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Prosa
 

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von Alexander Broy

 
     
  Die Zahnbürste vom Ex.
Alexander Broy
 
 

Während er auf dem Bett liegt und die Zimmerdecke hasserfüllt anstarrt, weiß er genau, dass sie jetzt zu ihr nach Hause kommen.

Sie wanken, haben sich betrunken, gefeiert.

Es wird hell. Eine farb- und lustlose Sonne beginnt gelangweilt seine Decke zu beleuchten - vielmehr zu befunzeln, wenn es so ein Wort gibt.

Arm in Arm stützen sich die Beiden aufeinander und fallen fast hin, vor Lachen und voll Alkohol. Sie hat bestimmt schon auf dem Heimweg das erste Mal gekotzt. Vermutlich auf dem kleinen, von Kötern verschissenen Grünstreifen, der das Parkverbotsschild auf der Ecke einrahmt. Es wäre nicht das erste Mal, aber das erste Mal für heute.
Oben in ihrer Wohnung steckt sie sich den Finger in den Hals und kotzt sich auch noch den Rest ihres versoffenen Abends aus dem Hals, ohne dabei merklich nüchterner zu werden. Steht der Typ neben ihr und tätschelt ihren Rücken? Oder muss er draußen bleiben, weil sie sich vor ihm noch ein letztes bisschen Schamgefühl bewahrt hat?

Er selbst hatte immer dabei sein dürfen, ... müssen. Sie waren vertraut miteinander gewesen. Vertraut mit allen Körpersäften des anderen.

Spätestens jetzt muss der Typ auch kotzen. Der Typ, den sie statt seiner mitgenommen hat. Geschieht ihm ganz recht. Dieses beängstigende Gefühl, das einem die Kehle blockiert, wenn die Brocken und säurescharfen Säfte nach oben steigen.

Manche sagen ja, es befreie und man fühle sich danach erheblich besser. Er fand es immer nur widerlich und beängstigend. Niemals gab er gerne her, was er einmal hatte.

In Gedanken sieht er sie vor sich, wie sie vor ihrem beleuchteten Spiegelschränkchen steht und ihre Haare aus dem kalt schweißigen Gesicht streicht und sich vor sich selbst zu ekeln beginnt. Sie wird sich die Zähne putzen wollen.
Das bleiche Gesicht des Mannes erscheint hinter ihr im Spiegel, auch er sieht mitgenommen aus. Glasige Augen, zerstörte Gelfrisur und Schweiß auf der Stirn.
Sie betrachtet erst ihn, dann ihre Zahnbürste in dem kleinen weißen Becher im Badezimmerschrank. Morgen früh wird es sie ekeln vor ihr, wenn sie ihre Bürste sich jetzt in ihren übelriechenden, verkotzten Mund steckt.
Ihre Augen treffen die seinen im Spiegel. "Weißt du was?", sagt sie mit einem schelmischen Grinsen und öffnet die linke Seitentür des Schränkchen: "wir nehmen einfach die Zahnbürste von meinem Ex.!" Spricht es und packt die kleine rote Bürste an dem Schwingkopf, der keiner Tomate etwas zuleide tun kann.

In glücklicheren Zeiten durften diese Borsten seine Zähne putzen, als sein Mund noch nach ihren Küssen und ihrem Schoß geschmeckt hat.

Dann stecken sich die feixenden, torkelnden und kichernden Schweine sein Bürstchen in die stinkenden Mäuler und pulen sich damit die Kotzebröckchen aus den Zähnen.

Nie wieder wird er so einen unschuldigen, kleinen Hygieneartikel einem solch grausigen Schicksal überlassen. Nie wieder, schwor er und schloss endlich die Augen.

 
  Kurzgeschichte, ca. eine Seite DIN-A4.
Urfassung, geschrieben in München/Deutschland,
Überarbeitung in Fürstenfeldbruck/Deutschland
© + Text Alexander Broy
 
     
 

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