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von André Marschke

 
     
  Regentage im Spätherbst
André Marschke
 
 

So ist das im Winter, wenn noch nicht wirklich Winter ist. Kalte, ungemütliche Tage. Dunkle und graue Wolken vermischen sich zu einem Schlechtwetterbrei. Und auch der Abend stellt sich immer früher ein. Grau wird dann durch Schwarz ersetzt, nur die allgemeine Tristesse bleibt. Das ist die herrliche Vorweihnachtszeit, ideale Vorbereitung auf das Fest der Liebe und Wärme, die auch immer spärlicher wird, weil die Heizkosten wieder gestiegen sind.
So gehen die Menschen dann auch durch den Tag. Sie schleppen diesen überfüllten Problembeutel überall mit hin. Der Blick immer starr auf die Füße geheftet, um nicht in den nächsten Hundehaufen zu treten. Eingepackt in dicke Mäntel, umwunden mit Schals und gekrönt mit einer Wollmütze, die einfach praktischer als die klassische Krone ist, weil diese die Ohren nicht warm hält.
Noch schnell in den Klamottenladen um sich den überteuerten Rollkragenpullover zu kaufen, der jetzt doch so in Mode ist, weil irgendein Prominenter das sagt. Ein Blick ins nächste Schaufenster und dann schnell weiter, sonst wird man noch schwach. Und es müssen doch auch noch Weihnachtsgeschenke gekauft werden, selbstverständlich auf den letzten Drücker. So kann man wenigstens über die zum Bersten gefüllten Kaufhäuser meckern.
Ein jeder macht das Beste aus seinem Leben in dieser ungastlichen Zeit. Aber viele erkennen nicht, dass schlechte Laune und Pessimismus nicht das Beste für einen sind. Jedoch ist es viel einfacher die Augen geschlossen zu lassen als die Kraft aufzubringen um hinter die Fassade aus Depression und Dreck zu blicken. Ein Beispiel für diese verborgene Schönheit sind die Regentage im Spätherbst. Für viele Menschen verabscheuenswürdig – die eh schon viel zu kurzen Tage auch noch mit tausenden, bösartigen Regentropfensoldaten zu teilen wird ihnen einfach zu viel.
Dann legen sie sich ins Bett und träumen von Strand und Schönheit. Noch schlimmer ist es, wenn man bei den allabendlichen Erledigungen überraschend von dem Regentropfenheer erwischt wird. Dann wird nur schnell das Schutzschild aufgespannt und so unter Flüchen das Gröbste abgewendet. Aber so ein Schutzschild kann nicht vor jedem einzelnen Tropfen beschützen und so gibt es genug Gründe um aus der Haut nach Hause zu fahren.
Doch wenn man die Sache einmal anders betrachtet sind es gerade diese Tage, die den Spätherbst so besonders machen. Wenn man durch die hell erleuchteten Straßen wandert und den ersten feuchten Tropfen auf der kalten Haut spürt darf man sich nicht mit Schilden oder Schirmen behindern. Man sollte sich die vom glitzernden Boden zurückgeworfenen Lichter ansehen und sich komplett von ihnen einnehmen lassen. In genau diesem Moment wird die Erde durch unzählige kleine Wasserperlen von all dem Schutz befreit, der auf ihr lastet und gleichzeitig wird dieses Schauspiel in ein helles, allgegenwärtiges Licht getaucht. In diesem herrlichen Moment zerfließt jegliche Hektik und die Probleme und der Stress werden weggestrahlt. Man ist einfach froh, dass man bei diesem Spektakel dabei sein darf.
So ist das manchmal, wenn man die Welt mit anderen Augen sieht.

 
  Kurzgeschichte, ca. eine Seite DIN-A4.
Geschrieben in Lübz/Deutschland
© + Text André Marschke
 
     
 

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