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von André Marschke

 
     
  Schlaflos in S.
André Marschke
 
 

Ich will gottverdammt noch mal schlafen! Ist es denn wirklich so schwer? Mein Handydisplay zeigt mir, dass es eigentlich mal wieder viel zu spät ist. Scheiße!
Ich meine, es wäre ja etwas anderes, wenn mal wieder der hirnverbrannte Typ von nebenan, mitten in der Nacht Lust darauf verspürt, extrem laut und mit extra viel Bass den "Schnuffel-Knuffel-noch-2-weitere-Strophen-und-ich-komm-rüber-und-vergesse-mich"-Song zu hören. Dann könnte ich meine Schlaflosigkeit ja verstehen. Vor allem wäre ich dann nicht gezwungen einfach so dazuliegen. Ich könnte mir entweder kurzzeitig meine neue finnisch Death-Hardcore-Black-Metall Platte anmachen und meinen Zimmergenossen mit freundlichen Klopfen an die Wand und dem Satz: „Ey du Arschloch, mach die Scheißmusik aus! Ich muss morgen früh raus!“ darauf hinweisen, dass er nicht der einzige Bewohner dieses Hauses ist. Oder aber, wenn das nicht hilft, kann man immer noch bei der Polizei, deinem Freund und Helfer anrufen, die sich sicher gern um unsere kleine, mitternächtliche Unstimmigkeit kümmern würde.
Aber zur Abwechslung war es nicht mein vermaledeiter Nachbar. Alles war ruhig soweit.
Verdammt, verdammt, verdammt, das kann doch einfach nicht wahr sein. Ich muss morgen früh raus, ich weiß wie wichtig der Tag ist und trotzdem bin ich unfähig einzuschlafen! Stattdessen wühle ich mich hin und her, schüttle die Kissen noch einmal auf, trinke ein Glas Wasser, gehe als Folge dessen auf die Toilette, schüttle die Kissen bevor ich ins Bett geh noch einmal auf und mache mir meine langweiligste Musik an. Als auch das nicht hilft, habe ich einen Geistesblitz: Die „Fester Schlaf in 5 Minuten – Einschlafhilfen mit Erfolgsgarantie“ – CD, die mir meine Krankenkasse irgendwann einmal zugeschickt hat. Ich schalte den Player ein, konzentriere mich auf das plätschernde Wasser und lausche einer tiefen, zugegeben leicht pervers klingenden, Männerstimme, die mir mitteilt, dass meine Glieder immer schwerer werden. Toll, denke ich mir, ich dachte ich soll einschlafen und nicht noch schwerer werden, denn das kann ich, wie man sieht, wirklich nicht gebrauchen. Ich lasse den komischen Mann noch eine Weile reden, höre aber gar nicht mehr zu. Ich überlege nämlich was ich morgen mit der CD mache. Entweder schicke ich sie meiner Krankenkasse zurück, mit dem Tipp, sie mögen doch bitte selbst einmal reinhören was sie da für eine Zumutung an die Leute verschicken. Oder ich zerstöre sie einfach auf möglichst brutale Weise. Obwohl das beste wäre, wenn ich sie meinem Nachbarn in den Briefkasten stecke, mit einem Zettel: "Ey, check das ma, dass is der neuste Hit bei uns in der Disse, besser als jeder Hasenpurzel-Schnuffel-Song!"
Aber was ich nun genau mache, kann ich mir dann ja morgen überlegen, jetzt war erst mal wichtiger, dass ich endlich Schlaf finde. Es ging zwischenzeitlich sogar soweit, dass ich darüber nachdachte, warum ich darüber nachdenke, warum ich statt selig einzuschlafen über irgendwelche Sachen nachdenke.
Es ist der reinste Horror, eigentlich wie in dem Film "Schlaflos in Seattle", nur eben ohne Tom Hanks und Meg Ryan. Okay, und auch nicht wirklich in Seattle, sondern eher in meinen bescheidenen vier Wänden. Trotzdem warte ich nur darauf, dass ein komischer Typ, der an einem Hubschrauber hängt vor meinem Fenster erscheint und mir die Vorzüge von Coca-Cola-Zero mitteilt.
Irgendwann bin ich tatsächlich noch eingeschlafen. Na gut, nach einer halben Stunde schreckte ich jäh hoch, weil ich von irgendwo als: „Joana, du geile Sau“ gerufen wurde. Aber für solchen Fälle hat man ja ein Telefon am Bett und 110 ist ja auch schnell gewählt.
Der nächste Morgen: Der Wecker in meinem Handy reißt mich aus den Träumen. Ich entscheide mich geistesgegenwärtig dafür, mich noch einmal umzudrehen. 5 Minuten mehr kann ich schon noch liegen bleiben. Nach einer halben Stunde, überlege ich mir, dass der superwichtige Termin doch eigentlich gar nicht so wichtig sein kann. Und eine Sache ist ein Fakt: Wenn man schon nicht richtig einschlafen kann, also quasi Einschlafprobleme hat, dann kann man sich auch nicht über Aufstehprobleme wundern. Vielleicht muss ich mir einfach einen neuen, lauteren und hartnäckigeren Wecker zulegen. Kurz bevor mir die Augen noch einmal zufallen, hab ich aber eine viel bessere Idee: Ich könnte später mal bei meinem Nachbarn klingeln und ihn freundlich fragen, ob er als kleine Gegenleistung für meine „Tiefschlaf für Tiefgestörte“ CD, beim nächsten Mal wenn ich früh raus muss den Weckdienst übernehmen könnte.
Denn wenn plötzlich ein verrückter Frosch sein Motorrad aufheulen lässt oder mir eine zärtliche Stimme ins Ohr haucht: „Du hast den schönsten Arsch der Welt“, möchte man schon ganz automatisch nicht mehr weiterschlafen.

 
  Kurzgeschichte, ca. 1 1/2 Seiten DIN-A4.
Geschrieben in Rostock/Deutschland
© + Text André Marschke

Zu hören im Podcast
"Autorenlesung auf diweli.de" (Aad.),
Folge 22.
 
     
 

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