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von Dirk Weige

 
     
  Der Untergang des Irrtager-Reiches
Dirk Weige
 
 

In einem Land, tief im Westen, wo die Sonne jeden Tag des Jahres heiß auf verdurstendes Land niederbrennt, wo sich riesige Flure aus feinstem Sand erstrecken, dort lebte einst ein mächtiges Volk, ein Volk von reichen Händlern, die riesige Kontore errichten ließen, in einer ebenso großen und mächtigen Stadt. Der Name der Stadt lautete Irrtago.
Der Handel machte die Menschen sehr reich, aber auch stolz und überheblich. Über Generationen hatten sie große Herrscher auf dem Thron von Irrtago, die das Reich vergrößerten und den Handel förderten, um noch größere Reichtümer in ihre militärischen Unternehmungen fließen zu lassen.
Schon bald konnte kein anderes Volk den Heeren der großen Könige aus Irrtago mehr trotzen und so wurden diese in großen Feldzügen geschlagen, gemeuchelt oder unterjocht. Die Irrtager aber, sie wurden noch mächtiger, noch reicher und überheblicher.
Für die versklavten Menschenmassen stand der Name Irrtago und die Irrtager aber nur noch für eines - Unmenschlichkeit.

Es begab sich zu der Zeit, als Albaras von Buda, der König von Irrtago, einen Feldzug gegen die Runemi führte, ein Normadenvolk, das am Rande einer riesigen Wüste lebte. Es sollte nur eine Strafaktion sein, nichts Besonderes. Hatten sich diese Herumtreiber doch tatsächlich geweigert, den Truppen von Abun-Ran, des Königs Matu-san, dem Wächter der südlichen Pforten, einige Schläuche Trinkwasser zu überlassen, damit seine Truppen sich baden und erfrischen konnten. Soetwas konnte nicht geduldet werden.
Es schien auch nur noch eine Frage der Zeit, bis Eodeton, wie er sich wohl nannte, der Anführer der Runemi, gefangen, gefoltert und hingerichtet würde.
Im Feldlager des Königs konnte man aber auch hören, dass Albaras so energisch und mit riesiger Streitmacht reagierte, da diese Armeen schon mehr als zwei Jahre nicht mehr im Kampf gestanden hatten und die Berufssoldaten und Söldner nur gute Einkünfte erlangten, wenn sie im Kampf plündern, rauben und morden konnten. Um Unruhen von unzufriedenen Soldaten aus dem Wege zu gehen, kam dieser Feldzug geradezu wie gerufen.
Doch bisher entwickelte sich der Feldzug nur schlecht. Die Runemi waren bislang der riesigen militärischen Walze geschickt ausgewichen und hatten auch keine festen Behausungen, die man hätte plündern können. Im Feldlager des Königs rumorte es. Bei den wenigen kleinen Scharmützeln, die in der Nacht stattfanden, meist schnelle Angriffe gegen Späher des Königs, waren Runemi erschienen und auch schnell wieder verschwunden - gleich Geister der Wüste.

In diese Stimmung hinein, erschien ein alter Priester mit vier jungen Begleitern im gewaltigen königlichen Feldlager. Er bat um etwas Wasser, um etwas Brot, für seine Begleiter und sich. Der König sah dem alten Priester tief in dessen Augen. Nach einer kurzen Weile antwortete der Herrscher gelassen: "Priester, ich kann Dir kein Mahl geben, sei es noch so klein. Ich muss mein Heer in dieser Wüste versorgen, um im Krieg erfolgreich zu sein!" Der alte Mann entgegnete flehend: "Herr, Ihr könnt doch nicht fünf Pilgern diese bescheidene Bitte verweigern! Die Wüste ist weit und bis zur nächsten Oase können wir es nicht schaffen. Wir müssten dann elend zu Grunde gehen!" Albaras aber blieb hart wie Stein, obwohl der Priester noch einen oder zwei Versuche unternahm, den König zu erweichen. Schließlich schickte der Herrscher die fünf Pilger fort.
Diese begaben sich an den Rand des Heerlagers, um sich dort in den heißen Sand zu setzen. Ohne Schutz vor der Sonne blieben sie und begannen zu beten und zu meditieren.
Mit der Zeit wurden ihre Leiber immer schwächer und anfälliger. In der folgenden Nacht starben zwei der jungen Pilger an Hunger und Erschöpfung. Im Laufe des zweiten Tages folgte ein dritter junger Pilger. Einen Tag nach einem weiteren schwachen Versuch des Priesters, den König umzustimmen, der abermals fehlging, öffnete der vierte und letzte Begleiter des Priesters seine Augen nicht wieder.
Während dieser Tage aber, hatte keiner der in Rufweite entfernt stehenden Feldposten den alten Priester schimpfen oder fluchen hören. Eher erschien es ihnen, als verteidige der alte Mann mit leiser, brüchiger Stimme den König und auch das ganze Heer gegenüber einer dritten Person, die unsichtbar im Hintergrund blieb.

Am Ende des vierten Tages trat ein Feldposten, von Angst gezeichnet, umgeben von der Leibwache des Königs, in das Zelt vor Albaras. Trotz seiner sichtlichen Anspannung, sprach er mit fester Stimme zu seinem Herrscher: "Herr, mein König, vorhin ist auch der alte Priester tot in den Sand gesunken, wie zuvor seine Gefährten!" Niemand im Zelt des Herrschers schien auch nur Luft zu holen, so still war es. Doch Albaras biss herzhaft in eine gebratene Hühnchenkeule, um dann, von lautem Schmatzen begleitet, dem Posten missmutig zu erwidern: "Ja? ... Und? Weshalb störst Du mich während meines Abendmahles?" Der Angesprochene blickte kurz zu Boden und versuchte das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken: "Aber Herr, vorher sah ich, wie die hagere Gestalt sich aufrichtete und mit einem unheimlichen blauen Feuer in seinen Augen etwas sagte! Konntest Du hören, was der alte Narr sagte?" Albaras hatte sein Mahl unterbrochen. "Ja, Herr, ...", der Posten schwieg einen Moment, um tief Luft zu holen. Ein Moment, der dem König eindeutig zulang erschien. Ungeduldig setzte der Herrscher von Irrtago nach und schaute mit strenger Miene auf seinen Untergebenen: "Nun? Was sprach er?" Man konnte förmlich greifen, wie unwohl sich der Feldposten in seiner Haut fühlte. Dann fuhr er mit seinem Bericht fort: "Erst leise, dann immer lauter, sprach der Alte. 'Verfucht sollt ihr sein, ihr Volk von Irrtago. Keine Führung werdet ihr mehr haben. Jene, die es versuchen, werden vor der Zeit sterben. Bis - eines Tages - der Fluch von eurem Volk genommen werde. Durch gute Tat, Freundschaft und Hilfe in höchster Not, von einem Spross des Hauses Irrtago geleistet!'" Einen kurzen Moment schwieg der Soldat, dann fügte er abschließend hinzu: "Danach erloschen seine Augen für immer!"
Die Berater des Königs, die in der ganzen Zeit still in einer Ecke des Zeltes saßen, schauten sich schweigend an und konzentrierten ihre Aufmerksamkeit dann ganz auf den König Albaras. In die entstandene Stille hinein, fing Albaras an, lauthals zu lachen und in das Tischtuch vor ihm zu prusten. "Dummes Weibergewäsch! Mann, Du warst zu lange in der Sonne!", verspottete er den Posten und schallend lachend: "Feuer aus den Augen ... haha, harharhar!"
Alle lachten, der eine mehr, der andere weniger. Nur der Feldposten, der lachte nicht.

Zwei Tage nach dem Bericht des Feldpostens, griff die vereinte Streitmacht der Runemi das Feldlager überraschend an. Es entbrannte eine lange, eine schwere Schlacht um das Lager in der Wüste.
Als schließlich die Kühle der Nacht über die Tausenden von verstümmelten, grotesk verränkten Leiber der Verwundeten und Toten strich, als die Überlebenden verzweifelt durch das Meer aus Blut wateten, auf der Suche nach vielleicht noch lebenden Freunden oder Kameraden; da fand man König Albaras. Sein Leib war von fünf Pfeilen des Gegners durchbohrt und sein Gesicht vollkommen von Tritten und Hufen entstellt, sodass man ihn nur durch seine Kleider und den Resten seines nun zerbrochenen Schwertes identifizieren konnte. Der Mensch Albaras von Buda schien vollkommen ausgelöscht.

In der Folgezeit konnte sich keiner der Nachfolger von Albaras lange auf dem Thron behaupten. Krankheit, Intrigen bei Hofe oder Tod in immer zahlreicher werdenden Schlachten, dies alles raffte die Führungselite von Irrtago dahin. Doch ohne richtige Führung schwächte sich das Reich selber.
Missgunst und Streit, Misswirtschaft und das Fehlen ordnender Instanzen taten ihr Übriges.
Das einst so übermächtige Heer wurde mehr und mehr geschwächt, bis es schließlich in der Schlacht am Ah-Eton-Strom vernichtend geschlagen wurde.
Das Reich zerbrach und die noch verbliebene Bevölkerung darb. Nach einer gewissen Zeitspanne migrierten auch die letzten Irrtager aus ihrer verödeten und zerfallenen Heimat und zerstreuten sich in alle Winde.

Der Fluch hatte seine volle Wirkung entfaltet!

 
  Kurzgeschichte, ca. 2 Seiten DIN-A4. (einmalige Ausnahme) Urfassung, geschrieben in Karlsruhe / Deutschland, als Legende für eine Romanidee er- und gedacht. Überarbeitung in Kassel / Deutschland.

In ungekürzter Länge zu hören im Podcast „Autorenlesung auf diweli.de“ (Aad.), in Episode 04.
 
     
 

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