Literatur-Website von Dirk Weige
 
Startseite
Autoren
Prosa
Lyrik
Comic
PodcastPlus
Tagebuch
 
Links
Gästebuch
Kontakt
Impressum


Wollt Ihr
www.diweli.de
unterstützen?
Dann vielleicht so!


Wunschzettel

Prosa
 

Zurück zur Prosaliste
von Dirk Weige

 
     
  Buchstaben auf weißem Papier
Dirk Weige
 
 

Vor Minuten, schon eine Ewigkeit her,
ging der Mensch durch die Tür hinaus.
Vor Momenten, Sätze, Bitten wurden gebildet,
doch kein Ton, kein Wort kam heraus.
Wohin verschwand der Mensch?
Was hat er empfunden, was nur gedacht?

 
 

Er legte das Blatt mit den Zeilen zurück auf den Schreibtisch. Das Licht der Schreibtischlampe reflektierte in der Glasplatte, die das Möbel als Auflagefläche nach oben hin abschloss.
Durch das große Fenster, welches dem Schreibtisch gegenüber lag, konnte man schon erste Lichter aus vielen Wohnungen sehen, dann und wann auch Landestrahler von anfliegenden Flugzeugen, wenn diese in Richtung des Flughafens der Stadt steuerten, um wenige zehn oder zwanzig Sekunden später, auf der Landebahn des Airports aufzusetzen.
Einen Moment lang verweilten seine Augen noch auf den tiefblauen Buchstaben aus Tinte, die in einer Schrift verfasst waren, die es heute so nicht mehr gab. Die Buchstaben hatte er vor über 20 Jahren mit seinem Füllfederhalter auf das Papier gekritzelt. Er hatte sicherlich damals auch vor, diese fortzuführen, um dann das geplante Gedicht zu vollenden. Doch dazu war es dann nicht gekommen. In den folgenden gut zwei Dekaden hatte die Welt sich einfach weiter gedreht und die Zeit war einfach verstrichen – ganz einfach, nur so.
Das Schreibgerät, der Füllfederhalter, den gab es schon lange nicht mehr und, das fiel ihm nun auf, in der Zwischenzeit hatte sich seine Handschrift vollkommen verändert. Genauer, seine Handschrift, wenn man es so bezeichnen wollte, waren Druckbuchstaben, die – zugegeben – sehr schnell und eher flüchtig auf die Schreibunterlagen gekritzelt wurden, wenn er dann und wann sich einmal dazu genötigt sah, etwas handschriftlich zu verfassen. Seine frühere Schreibschrift, die hatte er in den Jahren vollkommen verlernt. Meist hämmerte er seine Texte über diverse Tastaturen direkt in Rechner, auf virtuelle Seiten unterschiedlicher Schreibprogramme, die wiederum diese realen Texte in virtuelle Ordner auf ziemlich reale Speichermedien ablegten. Manchmal gingen einige Texte auch ins World Wide Web und er hoffte, dass vielleicht die eine Leserin oder der andere Leser ein klein wenig Freude dabei empfand, wenn sie oder er seine Zeilen irgendwann, irgendwo las.
Als kehre sein Blick zurück, zurück aus weiter Ferne, sahen seine Augen dieses weiße Blatt Papier wieder. Das Papier mit diesen sechs kurzen Zeilen, das Blatt auf dem Schreibtisch, fixiert von einigen Fingern seiner rechten Hand.
Wann hatte er diese Worte geschrieben? Genau konnte er dies nicht mehr sagen, nur so ungefähr. Warum hatte er diese Zeilen verfasst? Auch das schien in den vergangenen Jahren verblasst zu sein. War es ein Abschied? Von wem? Er konnte sich nicht erinnern! Wahrscheinlich war es deshalb auch nicht mehr relevant! Es waren halt Buchstaben, Worte, die aufgeschrieben waren, auf einem eigentlich gar nicht mehr so weiß erscheinenden Bogen Papier.
Sein Gesichtsfeld wurde weiter und ein kleiner Haufen Zettel, einige Bögen, Blätter rückte in sein Bewusstsein ein. Aus diesem Blätterhügel stammte auch das Sechs-Zeilen-Papier, herausgeangelt – ganz zufällig. Das Papiersammelsurium hatte er aus seiner Verschiedenes-Schublade genommen und an den Rand auf seiner gläsernen Schreibtischplatte deponiert.
War es, um vielleicht etwas Anregung zu bekommen? Wahrscheinlich!
Vielleicht etwas in Erinnerungen zu schwelgen? Noch ein klein wenig wahrscheinlicher!
Den Wust der unterschiedlichen Texte etwas zu ordnen? Hm …, wohl eher nicht!
Eher erschien es ihm, als ginge er auf Schatzsuche. Vielleicht würde ein unentdeckter, ungehobener Schatz im Kosmos der hingekritzelten, der niedergeschriebenen, der abgelegten Buchstaben und Worte zu finden sein. Ein Rohdiamant, der nur noch nicht gesucht, nur noch nicht entdeckt und nur noch nicht gehoben worden war. Der mehr war, als Tinte auf altem Papier.

...

 
 
Kurzgeschichte, ca. 2 Seiten DIN-A4.
Geschrieben in Berlin/Deutschland.

In ungekürzter Länge zu hören im Podcast
„Autorenlesung auf diweli.de“ (Aad.),
Folge 23.
 
     
 

Zurück zur Prosaliste
von Dirk Weige