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von Dirk Weige

 
     
  Schattenlos
Undurchdringlich erscheinendes Schwarz
Dirk Weige
 
 

Das stählerne Gerüst schien etwas zu schwanken, vielleicht vom Wind angestoßen, vielleicht waren auch seine Schritte, sein Gewicht daran Schuld oder es kam ihm auch nur so vor, denn so hoch war er bisher noch niemals hinauf auf einen der Rohbauten der Finanzmetropole geklettert.
Dass dies ungesetzlich und auch sehr gefährlich war, das schien ihm im Moment ziemlich egal und seiner Umwelt anscheinend auch. Niemand hatte die Baustelle gesichert, noch liefen Wachen durch den riesigen, leeren Glas-Beton-Klotz. „Unverantwortlich eigentlich!“, schoss es ihm durch den Kopf: „na ja, passt ja auch zum Geschäftsgebaren der ehemaligen Bauherren!“, vollendete er seinen Gedanken. Seit geraumer Zeit überschlugen sich ja die Meldungen, dass dieser Konzern und jene Aktiengesellschaft in zumindest gefährliche finanzielle Schieflage geraten waren.
Schon vor Wochen ruhten hier die Arbeiten, niemand goss den Spezialbeton in die Zwischendecken oder versuchte sich über die kilometerlangen Kabelschächte einen Überblick zu verschaffen, nur der Wind fegte durch kahle Flure und ab und an pfiff er dann auch einmal durch die dunklen Treppenschluchten und Gänge.
Ein Kniegelenk knackte etwas, als er niederkniete um sich anschließend auf dem metallenen T-Träger zu setzen und seine Beine über dem Abgrund baumeln zu lassen.
Der eisig-kalte Wind versuchte stetig durch seine Kleidung zu dringen, das nächtliche Universum erstrahlte am wolkenlosen Nachthimmel und Sterne glitzerten wie Diamanten auf dunkelstem, blauem Samt.
Kurz verharrte sein Blick auf diesem wunderschönen Bild, er liebte diese Weite, diese unerforschte, unbekannte Freiheit der Gedanken.
Unter seinen Füßen lagen die Straßen der Stadt. Vor etwa einer Stunde war er noch auf ihnen gewandelt, bevor er diese grotesk hässliche Glas-Beton-Neubauruine entdeckt hatte und aus einer Laune heraus beschloss, dieses größenwahnsinnige Phallussymbol zu erklimmen.
Nun senkte sich sein Kopf der Tiefe entgegen und …

Tippgeräusche verhallten im Raum und Dirk starrte auf den Monitor vor seinen Augen. Blinkend verharrte der Cursor auf der einmal erreichten Position auf dem Bildschirm.
Seine Augen überflogen noch einmal den zuvor verfassten Text, doch das Problem schien nicht der bisherige Text, sondern der kurz zuvor erlittene „Filmriss“ zu sein.
Seine Hände falteten sich zusammen und er stützte sein Kinn auf. Missmutige starrte Dirk den Bildschirm an und ein Gefühl von Ärger schlich sich langsam heran.
„Filmriss“ nannte er die Momente, wenn da plötzlich nichts mehr war, nur undurchdringliche Schwärze.
Vielleicht muss man hier nun etwas weiter ausholen, um diesen Umstand besser zu verdeutlichen.
Oft, eigentlich immer, nahm Dirk seine Umgebung hörend und sehend in sich auf, was nicht weiter besonders erscheint! Nur, bei dieser Sammelaktion gingen einige Eindrücke und Fetzen der Gegenwart in ihm ein und wurden gesondert gespeichert. Als würden seine Hemisphären eine zusätzliche Schublade bereithalten, in der Kopien der Informationen oder von einzelnen Fragmenten zusätzlich abgelegt wurden. Ab den Momenten der Ablage wurden diese Informationsstücke im Unterbewusstsein wieder und wieder gesichtet, unterbewusst mit ihnen gespielt, sie zusammengesetzt, zerlegt, anders zusammengefügt. Dieser Entwicklungs- und Bearbeitungsprozess dauerte eine unbestimmte und meist unkalkulierbare Zeitspanne an. Manchmal genügten Sekundenbruchteile, Momente und eine Idee war geboren, manchmal aber nur lange oder gar sehr lange Zeitspannen.
Nach der Idee ging es dann oft sehr schnell und komischerweise schien meistens auch gleich ein kompletter Plott zu entstehen. Dann war es für Dirk so, als liefe ein Film vor seinen geistigen Augen ab und er musste sich nur sputen, um mit dem Tippen hinterher zu kommen, damit die bereits komplett entwickelte Geschichte auch schriftlich festgehalten wurde.
Gut, hier und da kamen später manchmal Details hinzu!

...

 
 
Kurzgeschichte, ca. 2 Seiten DIN-A4.
Geschrieben in Berlin/Deutschland.

In ungekürzter Länge zu hören im Podcast
„Autorenlesung auf diweli.de“ (Aad.),
Folge 29.
 
     
 

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