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von Dirk Weige

 
     
  5. Mai
Eine Kurzgeschichte von
Dirk Weige
 
 

[Eine Kerze wird entzündet]

Augen leuchteten mit einem leicht grünlichen Schimmer, als Dirk die stetig größer werdende Flamme der Kerze betrachtete. Nach einigen langen Momenten setzte er seine Brille wieder auf, die zuvor auf einem Buch neben der mittig auf der Tischplatte angeordneten Kerze lag.
Er hatte – zumindest gefühlt – den ganzen Tag, mehr oder minder, auf dem Sattel seines Rades verbracht. War unterwegs, dies erledigen, jenes besorgen und musste deshalb seinen Drahtesel ziemlich die Sporen geben, um alle Termine auch pünktlich zu bedienen.
Als er am Abend an einem kleinen Geschäft vorüber fuhr, hatte er gebremst, gewendet und war das kurze Stück zum Ladeneingang zurückgefahren. Es war schon recht spät und ihm war eingefallen, dass Kerzen in seiner Wohnung fehlten und eine wollte er doch am Abend entzünden.
Mittlerweile hatte die Hitze der Flamme den rot-silbrig glitzernden Wachs um den Docht verflüssigt. Die Flamme flackerte etwas, als sich der Mann zum Fenster hin abwandt und seine Blicke in die Dunkelheit vor der Fensterscheibe richtete.
Wolken schoben sich wieder und wieder vor die schwach glitzernden Sterne am Firmament. Nur hier und da konnte Dirk das astronomische Glitzern aus der Vergangenheit sehen – nämlich dann, wenn einmal wieder die Wolkendecke aufriß und so für kurze Zeit die Sicht auf das himmlische Lichterspiel gestattete.
Im Jahr 2005 hatte es einen fulminanten Ansturm auf die Standesämter an diesem Tag gegeben, wollten doch viele am 05.05.2005 heiraten – na ja, verständlich. War es doch auch zukünftig ein einprägsames Datum – nicht wahr, meine Herren?!
Ein Lächeln schmiegte sich auf Dirks Lippen, als er an die Berichte dachte.
Auch im Gedächtnis war ihm haften geblieben, dass in den frühen 1920er Jahren, an einem 5. Mai, die Modeschöpferin Coco Chanel ihre Parfum-Kreation No. 5 der Modewelt präsentierte, mit dem einprägsamen Slogan: „Am 5. Tag des 5. Monats die Parfummarke Chanel No. 5,“. Hatte er irgendwann einmal in der Wiki. gelesen – was man sich doch so alles merkt!
Natürlich verbanden andere Menschen andere Gedanken und Erinnerungen mit dem 05. Mai – gute, lustige, skurrile aber durchaus auch erschütternde, erschreckende, tragische Erinnerungen.
Dies alles ficht Dirk in keiner Weise an, noch brand die Flamme der Kerze auf seinem Tisch für die Paare des Jahres 2005 oder für Chanels Parfum, nein, der 05. Mai war seit langer Zeit für ihn an eine Person vergeben und die brennende Kerze war ein Symbol, eine Hilfestellung, die seine guten Wünsche für sie in die Nacht hinaus trug. Vielleicht kam ja etwas positive Energie bei dem Geburtstagskind an – wo auch immer es heute lebte. Er hoffte es zumindest und über die Jahre hatte sich die brennende Kerze einfach zu einer kleinen Tradition entwickelt.
Na ja, es heißt ja so schön: „Man sieht sich im Leben zweimal!“ Er war gespannt und voller Hoffnung, vielleicht würde es ja wahr werden – er würde sich freuen, ja, er würde sich sehr freuen.
Kurz blitzten wieder Sterne durch die Wolkendecke, Dirk stand weiter am Fenster und blickte in den Nachthimmel. Nach und nach verloschen die Lichter in den Wohnungen der Nachbarschaft, die Stadt kam etwas zur Ruhe, zumindest punktuell.
Starke Lichter mehrerer Suchstrahler versuchten die Dunkelheit zu durchdringen, fluteten hier und da durch die Wolkendecke, schafften es aber nur einige Male, so, dass die Wolken, welche in Richtung des Flugkorridors in der Luft zu hängen schienen, wie watteähnliche Lampenschirme von innen zu leuchten begannen, als der vierstrahlige Jet sie dröhnend und pfeifend duchflog. Die letzte Maschine dieses Tages überquerte das Viertel und Dirk betrachtete noch einige Momente die Auswirkung der Luftschleppe, die der große Jet hinter sich her zog. Wolkenfetzen wirbelten herum und wurden von riesigen, unsichtbaren Händen fortgezogen. Auch ein lang gezogenes Heulen und anschließendes Sausen hätte der Mann hören können – bei geöffnetem Fenster. Aber, na ja, diese Geräusche waren für ihn keine überraschenden Hörerlebnisse – nur unangenehme.

...

 
 
Kurzgeschichte, ca. 2 Seiten DIN-A4.
Geschrieben in Berlin/Deutschland.

In ungekürzter Länge zu hören im Podcast
„Autorenlesung auf diweli.de“ (Aad.),
Folge 30.
 
     
 

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