Literatur-Website von Dirk Weige
 
Startseite
Autoren
Prosa
Lyrik
Comic
PodcastPlus
Tagebuch
 
Links
Gästebuch
Kontakt
Impressum


Wollt Ihr
www.diweli.de
unterstützen?
Dann vielleicht so!


Wunschzettel

Prosa
 

Zurück zur Prosaliste
von Jaime Vázquez Hermo

 
     
  Das Meer-Prinzip
Jaime Vázquez Hermo
 
 

David ging hastig den Hügel hinauf. Es flogen viele Vögel, deshalb hoffte er, daß das Wetter so schön bleiben würde, wie es gerade war, sonnig und ohne Wolken. Er spürte eine leichte Brise, aber das war normal, wenn man am Meer wohnt.
Nach kurzer Zeit war er oben. Er sah den Stein, wo er sich oft hingesetzt hatte, und setzte sich auf ihn. Die Weite zu betrachten faszinierte ihn und so konnte er sehen, wie das ganze weite Meer und der Horizont eins wurden; nur auf der rechten Seite konnte man eine mittelgroße Insel sehen. Er fühlte sich wohl hier zu sein.
Das Sonnenlicht spiegelte sich im Meer, so daß es fast weh tat, dahin zu sehen. David sah am Himmel einige Vögel fliegen und wünschte sich, auch so fliegen zu können. Wie glücklich müssen die Vögel sein, frei zu fliegen. Er dachte an eine Geschichte, die er einmal gehört hatte, in der ein Mann seine eigenen Flügel konstruiert hatte, um aus Griechenlands Mauern zu fliehen. Er hörte gerne die „Ikarus“ Sage, ohne an das Ende zu denken; das fand er nicht schön. Wie hart mußte es gewesen sein, seine eigene gewonnene Freiheit wieder zu verlieren.
David beobachtete aufmerksam den Horizont. Und da sah er etwas, was immer größer wurde, bis ein Schiff zu erkennen war. David sah gespannt auf den Mast und als das Schiff gut zu erkennen war, konnte er sehen, was er suchte: die Flagge. Da waren die Piraten.
Mit gespannter Freude fixierte er seine Augen auf das Schiff, während das Meer unruhig wurde. Die Wellen schlugen gegen das Schiff und David glaubte, auf seiner Haut den Schaum des Meeres zu spüren; es war aber nur die Feuchtigkeit der Luft, die ihm, zusammen mit dem Anblick des Meeres, ein unglaubliches Wohlgefühl verschaffte.
Das Schiff war gut zu erkennen und David erkannte den Arm eines Piraten, der ihm zuwinkte.
In ihm stieg die Spannung. Wie die letzten Male waren sie wieder da. Doch das Meer wurde unruhiger und alles geschah sehr schnell.
Die Piraten segelten vor der Küste in Davids Richtung, aber die Wellen waren gefährlich groß; alle waren beschäftigt, das Schiff auf Kurs zu halten. Der Himmel bedeckte sich.
Davids Gesicht spannte sich. Es war so wie das letzte Mal, und das vorletzte Mal, und...ein unwillkürlicher Schrei kam aus seinem Mund heraus, während er aufstand.
David konnte aber nur zusehen. Er sah, wie das tosende Meer das Schiff in Schwierigkeiten brachte. Die Wellen schlugen über dem Schiff zusammen. Die Piraten versuchten alles, was nur möglich war, aber vergeblich. Plötzlich kenterte das Schiff; alle waren über Bord und das Schiff wurde vom Meer verschlungen. Er konnte nur ein paar Piraten im Wasser erkennen und das hoffnungslose Geschrei nach Hilfe. Verzweifelt machte David die Augen zu; er konnte es wieder nicht verstehen; es war so ruhig, die Erwartungen so groß, die Freiheit so nah...
Als David die Augen aufmachte, sah er das ganze weite Meer. Die Sonne schien, und keine Wolken waren zu sehen.
Einige Tränen liefen über seine Wangen. Ohne den Blick vom Meer abzuwenden, setzte er sich wieder auf den Stein, auf dem er immer so voller Hoffnung war. Und wie die letzten Male sah er, wie sein Traum wieder zerplatzte.
Fast gegen seinen Willen sah er sich um, und überraschend, aber nicht unerwartet, spürte er einen großen Schmerz auf seinen Wangen und zeitgleich fiel er zu Boden.
»Was glaubst du, wer du bist, du Idiot? Muß ich jedesmal hierher, um dich zu holen? Mach, daß du nach Hause kommst!«
Der Gestank nach Alkohol ekelte David. Er hatte sich an seinem Arm verletzt, und die roten Wangen schmerzten sehr, aber nicht so sehr wie das Gefühl, wieder hilflos zu sein, hilflos und einsam.
David sah seinen Vater den Abhang hinunter gehen, und die Wut in ihm brachte ihn zum Weinen.
Der Vater drehte sich um und sagte etwas, unverständlich, aber bedrohlich. David mußte sich beeilen.
Er stand mit Schwierigkeiten auf und sah das Meer. Das blaue Meer. Das Meer-Prinzip. Das Prinzip der Hoffnung. Die Hoffnung auf Freiheit. Die Freiheit zu leben; glücklich leben.
Aber er würde es noch schaffen. Irgendwann würde er frei sein. Ja, frei wie ein Pirat, und dann würde er glücklich sein und dann...
Er wollte seinen Vater nicht noch mehr reizen und folgte ihm. In der Ferne konnte er ihn noch erkennen: klein, bedrohlich, blau...verdammt blau!

 
  © + Text Jaime Vázquez Hermo
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Kurzgeschichte aus dem Wendebuch von Jaime Vázquez Hermo:
Reflexiones de mi otro yo – Reflektieren meines anderen Ichs / Historias cercanas – Geschichten ganz nah.
Das Buch wurde 2008 herausgegeben von Jaime Vázquez Hermo beim Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 978-3-8370-4152-1

Zu hören in der 18. Folge der „Autorenlesung auf diweli.de“ - vom Autor gelesen.
 
     
 

Zurück zur Prosaliste
von Jaime Vázquez Hermo